Sonntag, 17. September 2017

Das Bild an der Wand im Nichts

Rückblende

Nun war ich doch mal wieder "weg" - danieder g'streckt von einem kleinen Teil meines Körpers, der sich, wie bei vielen atypisch bemerkbar gemacht hat.
Ein, mein, Blinddarm meinte, er brauche ein neues Zuhause; also bekam er was er wollte und ich bekam eine laaange Auszeit.
Und mehr noch, ich bekam eine Auszeit von mir selbst.

Tagelang lag ich im Krankenhaus. Infusion folgte auf Infusion und all die Tage blickte ich auf die weiße Wand, die nur ein Bild trug.
Ein Bild mit einem Baum. Ich kann mich an ihn nicht mehr ganz erinnern, stand er in der vollen Pracht des Sommers am Wasser, oder war es schon der Herbst, der in bunt erstrahlen ließ?
Wie auch immer, er oder es wurde zu meinem Bild, zu meinem Baum ...

Heute

Heute ist Sonntag, die Wiesn ist im vollem Gange und fast auf den Tag genau, einen Monat später, sitze ich also ohne Blinddarm, immer noch geschwächt, auf meiner Couch.
Kalt ist es geworden, kalt und ungemütlich.

Obwohl meine liebste Jahreszeit jetzt beginnt.
Der Herbst schiebt den Sommer ein wenig weiter und alles steht auf Umbruch.
Von sattem Grün geht es auf buntes Rotbraun.
Und von luftig angezogen, geht es auf wohlig warm eingebettet.

Der Umbruch ist sichtbar und der in meinem Selbst auch, mehr denn je.
Ich fühle mich leer, aber mit dem Wunsch, den nächsten Sprung zu wagen, um dann doch nichts von all dem zu tun, was mein Kopf so vor sich hindenkt.

Also beginne ich mir nichts mehr zu erwünschen, denn ich habe alles, und doch fehlt mir etwas Entscheidendes.
Oder ist es nicht entscheidend, weil doch alles wirklich, wirklich gut, ja oft sehr gut, ist.
Ist es vielleicht Jammern auf hohem Niveau? Wahrscheinlich auch, aber die große Veränderung fehlt, sie nagt inzwischen jeden Tag an mir. Sie schreit mir ins Gesicht:" Tu es, tu es, tu es endlich und du wirst sehen, wie gut es dir tun wird!"
Und ich sitze hier und tue nichts, denn alles passiert doch schon in meinem Kopf!
Alles ist gesagt, alles ist längst getan.
Ich bin müde von all dem Tun - all dem Tun in meinem Kopf, nicht in meiner echten Welt.

Es ist wie das eine Bild an der Wand im Krankenhaus.
Es gibt nicht mehr oder weniger, es gibt nur das eine Bild auf einer langen weißen Wand.
Solange ich es mit offenen Augen ansah, war es nur ein Bild mit einem Baum.
Ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, eröffneten sich Perspektiven, Verschiebungen und Neuinterpretationen und ich ging auf Reisen.

Das Bild konnte sich bei jedem Anblick verändern, es ordnete sich neu, erfand sich vor meinen Augen neu.
Obwohl sich nichts im Raum oder gar im Bild veränderte, änderte sich alles, alles änderte sich in meinem Kopf.
Meine Kopfreise war so real, dass ich mit der Zeit vor Erschöpfung einschlief, einschlief von dem vielen Sehen und Tun.
Nur nichts davon geschah in meinem Leben.
Nichts.

Mein Leben braucht also einen kleinen, echten Schubs.
Eine kleine Verschiebung des Blickwinkels oder mehr noch, den freien Blick der Phantasie, dem zuerst dem Bild den Raum gibt und danach dem Tun.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen