Mittwoch, 27. September 2017

Ein anderes Bild an der Wand

Wieder einmal liege ich wach in meinem Krankenhausbett.
Alles ist gleich geblieben.
Das Stockwerk, die Abteilung, das Personal, nur meine Zimmernummer hat sich geändert und mit ihr mein Bild an der Wand. Ich habe nun einen Sonnenaufgang von Claude Monet, 1872.

Ist es ein Zeichen, dass alles auf Anfang steht?
Auf Erneuerung?
Auf ein Alles ist/wird gut?

Ich wünsche es mir sehr, denn mit dem Bild vom Baum, der mein Baum wurde, blieb ein Teil von mir letztens hier zurück.

In der Welt da draußen, verlor ich mich nämlich zuletzt erneut, nachdem ich dachte, mich endlich (wieder) gefunden zu haben.

Zu schnell habe ich jedoch die alte Reise wieder aufgenommen; ohne die nötigen Korrekturen vorzunehmen.

Zu schnell wollte ich zurück in ein Leben, das ich kenne, das ich beherrschen kann, so glaubte ich es zumindest.
Zu schnell wollte ich....
Ach, eigentlich wollte ich etwas ganz anderes.

Mehr Freiheit, mehr Struktur, mehr Freude, mehr Abgrenzung, mehr Lachen, mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr kennenlernen, mehr neues.
Mehr ich.

Aber... immer wenn ich dachte, jetzt hab ich es begriffen, jetzt wird alles anders, kam eine Zeit des Funktionieren müssens und mit ihr auch die Zeit des Vergessens meiner Selbst.

So oft ist mir das schon passiert, so oft hat es mich schon gebeutelt, ist es diesmal endlich vorbei?
Finde ich endlich zu mir und meinem Weg?
Finde ich endlich raus?

Sonntag, 17. September 2017

Nachtgeflüster

Du stellst immer wieder einmal die selbe Frage; die nach dem Warum.
Wie ich immer wieder weiter machen konnte, obwohl es Dich doch schon gab.
Wie ich immer wieder den selben Fehler nochmal und nochmal machen konnte.
Wie ich immer wieder in den Abgrund stürzen konnte und Dich dabei mitnahm.
Es ist nur eine Frage und dennoch die schwerste, die es zu beantworten gibt, denn es gibt keine wahrhaftige gültige Antwort, gar Entschuldigung, dafür,  nur vielleicht eine Erklärung.
Heute würde ich die Frage, glaube ich, so beantworten...
Ich war auf der Suche nach dem, sagen wir mal, vermissten in meinem Leben.
Nach dem dauerhaft erfahrenen Glück.
Dem gestohlenen Moment der Sicherheit, der nur mir gehörte und mir Frieden gab.
Nach der Ruhe im Sturm.
Nach einer klaren Entscheidung für oder gegen das Leben.
Also habe ich immer weiter gesucht und doch nie eine vollständig befriedigende Antwort gefunden.
Aber so stimmt das auch nicht wirklich.
Ich hatte es ja kurz gefunden und für nicht wahr angenommen.
Daher ging ich weiter, nahm immer wieder, immer wieder das Nächstbeste.
Statt zu verweilen.
Statt zu denken.
Statt zu wählen.
Statt zu erkennen.
Stattdessen habe ich weiter funktioniert.
Immer wieder weiter gemacht, um das zu suchen, was mir einst, in Kindertagen, aus der Hand gelitten war.
Ich selbst.

Das Bild an der Wand im Nichts

Rückblende

Nun war ich doch mal wieder "weg" - danieder g'streckt von einem kleinen Teil meines Körpers, der sich, wie bei vielen atypisch bemerkbar gemacht hat.
Ein, mein, Blinddarm meinte, er brauche ein neues Zuhause; also bekam er was er wollte und ich bekam eine laaange Auszeit.
Und mehr noch, ich bekam eine Auszeit von mir selbst.

Tagelang lag ich im Krankenhaus. Infusion folgte auf Infusion und all die Tage blickte ich auf die weiße Wand, die nur ein Bild trug.
Ein Bild mit einem Baum. Ich kann mich an ihn nicht mehr ganz erinnern, stand er in der vollen Pracht des Sommers am Wasser, oder war es schon der Herbst, der in bunt erstrahlen ließ?
Wie auch immer, er oder es wurde zu meinem Bild, zu meinem Baum ...

Heute

Heute ist Sonntag, die Wiesn ist im vollem Gange und fast auf den Tag genau, einen Monat später, sitze ich also ohne Blinddarm, immer noch geschwächt, auf meiner Couch.
Kalt ist es geworden, kalt und ungemütlich.

Obwohl meine liebste Jahreszeit jetzt beginnt.
Der Herbst schiebt den Sommer ein wenig weiter und alles steht auf Umbruch.
Von sattem Grün geht es auf buntes Rotbraun.
Und von luftig angezogen, geht es auf wohlig warm eingebettet.

Der Umbruch ist sichtbar und der in meinem Selbst auch, mehr denn je.
Ich fühle mich leer, aber mit dem Wunsch, den nächsten Sprung zu wagen, um dann doch nichts von all dem zu tun, was mein Kopf so vor sich hindenkt.

Also beginne ich mir nichts mehr zu erwünschen, denn ich habe alles, und doch fehlt mir etwas Entscheidendes.
Oder ist es nicht entscheidend, weil doch alles wirklich, wirklich gut, ja oft sehr gut, ist.
Ist es vielleicht Jammern auf hohem Niveau? Wahrscheinlich auch, aber die große Veränderung fehlt, sie nagt inzwischen jeden Tag an mir. Sie schreit mir ins Gesicht:" Tu es, tu es, tu es endlich und du wirst sehen, wie gut es dir tun wird!"
Und ich sitze hier und tue nichts, denn alles passiert doch schon in meinem Kopf!
Alles ist gesagt, alles ist längst getan.
Ich bin müde von all dem Tun - all dem Tun in meinem Kopf, nicht in meiner echten Welt.

Es ist wie das eine Bild an der Wand im Krankenhaus.
Es gibt nicht mehr oder weniger, es gibt nur das eine Bild auf einer langen weißen Wand.
Solange ich es mit offenen Augen ansah, war es nur ein Bild mit einem Baum.
Ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, eröffneten sich Perspektiven, Verschiebungen und Neuinterpretationen und ich ging auf Reisen.

Das Bild konnte sich bei jedem Anblick verändern, es ordnete sich neu, erfand sich vor meinen Augen neu.
Obwohl sich nichts im Raum oder gar im Bild veränderte, änderte sich alles, alles änderte sich in meinem Kopf.
Meine Kopfreise war so real, dass ich mit der Zeit vor Erschöpfung einschlief, einschlief von dem vielen Sehen und Tun.
Nur nichts davon geschah in meinem Leben.
Nichts.

Mein Leben braucht also einen kleinen, echten Schubs.
Eine kleine Verschiebung des Blickwinkels oder mehr noch, den freien Blick der Phantasie, dem zuerst dem Bild den Raum gibt und danach dem Tun.